Tientos
Die Tientos sind, wie die Tangos, ein ursprünglicher Cante und einer der Grundpfeiler, auf denen der Flamenco ruht. Sie zeigen eigene Ausprägungen in Cádiz und in Jerez und gelten als der musikalische Stamm, aus dem die Tangos hervorgehen, mit denen sie durch Rhythmus und compás eng verwandt sind.
Ursprung und Geschichte
Die Tientos bildeten sich im 19. Jahrhundert im gitano-andalusischen Umfeld heraus, wahrscheinlich durch eine langsame Herauslösung aus den ursprünglichen Tangos hin zu einem ruhigeren Tempo und einer dichteren Melodik. Ihr Name spielt genau auf diese Art des „Tastens” oder Beginnens des Cante an, bei dem man ruhig voranschreitet, bevor man den endgültigen compás aufnimmt.
Cádiz und Jerez de la Frontera waren die beiden großen Entwicklungszentren des Stils, jedes mit seiner eigenen Prägung: die gaditanischen Tientos mit gebrochenerer Melodie und die jerezanischen mit ausgeprägt gitano-Geschmack. Im Laufe der Zeit festigte sich der Cante in verschiedenen Schulen und Coplas, die heute zum Grundrepertoire jedes Flamenco-cantaors gehören, und er fand auch Eingang in den Tanz als einer der feierlichsten und ausdrucksstärksten Palos des weiblichen wie männlichen Repertoires.
Musikalische Merkmale und compás
Die Tientos werden im binären compás gesungen, demselben rhythmischen Schema von zwölf Zeiten, das sie mit den Tangos teilen, jedoch in einem deutlich langsameren und feierlicheren Tempo interpretiert. Diese Langsamkeit erlaubt eine viel breitere melodische und interpretatorische Entfaltung, weshalb sie als technisch und ausdrucksmäßig äußerst anspruchsvoller Cante gelten.
Sie werden mit Gitarre „por medio” begleitet, mit einem Toque, der das markante Rasgueo des compás mit lyrischeren Passagen verbindet, und lassen Palmas und Tanz zu. Häufig endet eine Interpretation der Tientos mit einer Beschleunigung des compás, die in einen Tango mündet – eine Auflösung, die als „Tientos por Tangos” oder „Salida por Tangos” bekannt ist.
Cantaores und repräsentative Interpreten
Die Tientos verfügen über historische Gestalten, die klar mit ihrer Entwicklung verbunden sind, wie Enrique el Mellizo in Cádiz, der als Schöpfer einer der einflussreichsten Schulen des Stils gilt, und Manuel Torre in Jerez, dessen jerezanische Version ebenfalls unverzichtbarer Bezugspunkt ist. Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben zahlreiche cantaores dieses Repertoire in ihren Recitales lebendig gehalten.
Verwandtschaft mit anderen Palos
Die Tientos bilden, zusammen mit den Tangos, einen der ursprünglichen Stämme des Flamenco, und gelten tatsächlich als der musikalische Ursprung, aus dem sich der Flamenco-Tango durch Beschleunigung seines compás entwickelte. Sie teilen zudem verwandte Atmosphäre und binären compás mit anderen festlichen gitano-Cantes und stehen am Berührungspunkt zwischen der Tiefe der grundlegenden Cantes und der rhythmischen Vitalität der compás-Cantes.