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Chronologie des Flamenco: die Zeitleiste seiner grossen Meilensteine

Eine Geschichte ohne Geburtsurkunde, aber mit belegbaren Meilensteinen

Der Flamenco wurde weder an einem festen Datum noch von einem einzelnen Autor geschaffen, daher ist jede Chronologie zwangslaeufig eine Vereinfachung eines viel langsameren, diffuseren Prozesses. Es gibt jedoch dokumentierte Momente - eine Veroeffentlichung, ein Wettbewerb, eine Aufnahme, eine institutionelle Erklaerung -, die als Bezugspunkte dienen, um zu verstehen, wie sich das Genre ueber fast zweieinhalb Jahrhunderte entwickelt hat. Diese Zeitleiste versammelt die von der Flamenco-Geschichtsschreibung am haeufigsten zitierten Meilensteine mit Datum oder Zeitraum sowie Links zu den Artikeln dieses Blogs, die jede Etappe vertiefen.

Die Flamenco-Zeitleiste

1774 - Erste bekannte schriftliche Erwahnung der Flamenco-Welt. Der Schriftsteller Jose Cadalso erwaehnt in seinen “Cartas marruecas” einen Tanz “im Zigeuner-Stil” in andalusischem Umfeld - die aelteste literarische Anspielung, die gewoehnlich als Vorlaeufer des dokumentierten Flamenco genannt wird. Es gibt keinen Beleg dafuer, dass er bereits als eigenstaendiges Genre existierte, aber es markiert den Beginn dessen, was die Flamencologen Ricardo Molina und Antonio Mairena als “hermetische Phase” (1780-1850) bezeichneten - eine Entstehungszeit fast ohne schriftliche Spuren.

Um 1850 - Die urspruenglichen Cantes, vor jeder oeffentlichen Dokumentation. Die Tona, die urspruengliche Seguiriya oder der Martinete - Cantes a palo seco, ohne Gitarre - festigen sich als aeltester Kern des Cante Jondo. Sie werden muendlich im familiaeren und Roma-Umfeld Unterandalusiens weitergegeben, bevor der Flamenco auf eine oeffentliche Buehne tritt.

Ab 1860 - Die Cafes Cantantes: der Flamenco wird zur bezahlten Darbietung. Lokale wie das Cafe de Silverio in Sevilla, um 1875 vom Cantaor Silverio Franconetti gegruendet, holen Cante und Baile aus dem haeuslichen Umfeld heraus und machen daraus ein regelmaessiges Geschaeft. In dieser Phase professionalisieren sich Cantaor, Gitarrist und Bailaora als eigenstaendige Figuren, und viele der Palos werden so festgelegt, wie man sie heute kennt.

1869-1929 - Antonio Chacon und die Professionalisierung des Cante. 1869 in Jerez de la Frontera geboren, bringt Chacon den Flamenco aus den Cafes Cantantes in die angesehensten Theater und Salons Spaniens, erweitert das Repertoire der Stile und wird zum Vorbild des professionellen Cantaor, das eine ganze folgende Generation praegen wird. Er starb 1929 in Madrid und gilt vielen als “Vater des modernen Cante Flamenco”.

1912-1929 - Ramon Montoya und die Geburt der Gitarre als Soloinstrument. Der aus Madrid stammende Gitarrist Ramon Montoya (1879-1949), ab 1912 mehr als ein Jahrzehnt lang Begleiter von Chacon, beginnt, das Potenzial der Flamenco-Gitarre ueber die reine Cante-Begleitung hinaus zu erforschen und legt damit den Grundstein fuer das spaetere Solo-Gitarrenkonzert im Flamenco.

13.-14. Juni 1922 - Der Concurso de Cante Jondo in Granada. Manuel de Falla und Federico Garcia Lorca organisieren auf der Plaza de los Aljibes der Alhambra einen Wettbewerb, der den reinsten Cante gegen den vorherrschenden kommerziellen Geschmack aufwerten soll. Ausfuehrlich dazu in El Concurso de Cante Jondo de 1922: la noche que Falla y Lorca quisieron salvar el flamenco.

1920-1955 - Die Opera Flamenca: der Cante fuellt Stierkampfarenen. Unter einem steuerlichen Etikett (Vorstellungen, die als “Oper” angekuendigt wurden, zahlten weniger Steuern) wird der Flamenco zu einem Massenphaenomen mit Stars wie Pepe Marchena oder Manuel Vallejo, oft vermischt mit Copla und Cuple. Eine unter Puristen umstrittene Phase, der vorgeworfen wurde, den Cante Jondo zu banalisieren. Die ganze Geschichte in Qué fue la Ópera Flamenca y por qué genera debate.

1939-1975 - Der Flamenco waehrend der Franco-Diktatur: touristisches Aushaengeschild und puristischer Widerstand. Unter der Diktatur foerdert das Regime ein folkloristisches, vereinfachtes Bild des Flamenco als touristische Attraktion, waehrend parallel dazu der Mairenismo - angefuehrt von Antonio Mairena ab Mitte der 1950er Jahre - den orthodoxesten Roma-andalusischen Cante einfordert und dazu beitraegt, Dutzende erfahrener Cantaores vor dem Vergessen zu bewahren, vor allem durch das Fernsehprojekt “Rito y geografia del cante” (1971-1973).

1969-1977 - Die Fusion von Camaron und Paco de Lucia. Jose Monje Cruz, genannt “Camaron de la Isla”, und der Gitarrist Paco de Lucia nehmen neun Alben auf, die die Sprache von Cante und Gitarrenbegleitung vollstaendig erneuern und die Treue zu den traditionellen Cantes mit einer bis dahin nie dagewesenen harmonischen Freiheit verbinden. Mehr zu ihrem Erbe in Los mejores discos de Camarón de la Isla para descubrir su legado.

1970er-80er Jahre - Paco de Lucias internationaler Durchbruch. Der Gitarrist fuehrt 1977 das peruanische Cajon ein, bringt durch Carles Benavent den E-Bass in den Flamenco und nimmt die Flamenco-Gitarre mit auf internationale Tourneen und Kollaborationen mit Musikern wie John McLaughlin und Al Di Meola - und bringt den Flamenco damit wie nie zuvor auf die Landkarte der Weltmusik.

16. November 2010 - Der Flamenco wird immaterielles Kulturerbe der Menschheit. Die UNESCO nimmt den Flamenco waehrend einer Sitzung in Nairobi auf ihre Repraesentative Liste auf, basierend auf einer gemeinsamen Bewerbung von Andalusien, Extremadura und der Region Murcia. Diese institutionelle Anerkennung kroent einen fast zweieinhalb Jahrhunderte langen Weg. Alle Details in Por qué la UNESCO declaró el flamenco Patrimonio de la Humanidad en 2010.

2010-heute - Nuevo Flamenco, urbaner Flamenco und die Rosalia-Kontroverse. Die von Camaron und Paco de Lucia eroeffnete Fusion erweitert sich mit Kuenstlern wie Ketama, Pata Negra oder Ojos de Brujo, und in der zweiten Haelfte der 2010er Jahre eroeffnet das Phaenomen Rosalia - ausgebildet im orthodoxen Cante, bevor sie ihn mit Trap und experimentellem Pop verschmolz - erneut die klassische Debatte zwischen Authentizitaet und Innovation. Wir analysieren das in Rosalía y el nuevo flamenco: la polémica que cambió el género.

Eine Geschichte, die weiter geschrieben wird

Diese Meilensteine auf einer Zeitleiste aufgereiht zu sehen, macht eines deutlich: Der Flamenco erfindet sich seit fast zweieinhalb Jahrhunderten immer wieder neu, ohne je aufzuhoeren, mit sich selbst darueber zu streiten, wo die Grenze zwischen Tradition und Innovation liegt. Jede Generation - Cafes Cantantes gegen haeuslichen Cante, Opera Flamenca gegen Mairenismo, Camaron gegen die Orthodoxie seiner Zeit, Rosalia gegen die heutige Flamenco-Kritik - hat ihre eigene Version dieser Debatte erlebt. Das ist wohl das deutlichste Zeichen dafuer, dass es sich weiterhin um ein lebendiges Genre handelt und nicht um ein Museumsstueck.

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